
Sehr persönlich - Ein sehr interessantes Buch. Man lernt Hitler ein wenig als Mensch kennen und erfährt wie das Leben im Führerstab war. Es bietet Einblicke in ein Leben und eine Zeit die nur wenige Menschen so erlebt haben. Es war die schlimmste Zeit Deutschlands und doch kann man in dieser Niederschrift erkennen wie Hitler die Menschen in seinen Bann zog. Ich kann dieses Buch ohne einen Hauch des Zweifels jedem empfehlen zu lesen.
Schlechtes Gewissen reinwaschen? - Traudl Junge betont im Buch immer wieder, dass sie das politische Geschehen zu dieser Zeit nicht besonders interessierte, da sie sich damals auf das Tanzen (Balett) konzentrierte.Im Buch erzählt die Autorin, wie sie durch reinen Zufall zur persönlichen Sekretärin Hitlers auserwählt wurde und auf Abruf für ihn verfügbar sein musste.Im Verlauf des Buches beschreibt sie ihren Vorgesetzten als geradezu charmant und sympatisch!Daher und auch deswegen, weil sie von der ganzen politischen Sache nichts gewusst haben möchte, bzw. sie sich hinausredet mit der Kunst und Kultur gilt dieses Buch für mich als Reinwaschung des Gewissens von Traudl Junge. Für mich ist dieses Buch keine Entschudligung, aber eine Mahnung!
Hatte Hannah Arendt Recht? - Die Banalität des BösenTraudl Junge ist Zeit ihres Lebens nicht darüber hinweg gekommen, daß sie Hitlers Privatsekretärin war und ihm vertraut hat. Auch ihre spätere Beziehungsangst bringt sie mit dieser Erfahrung in ihren Zwanzigern in Verbindung.1947, direkt nach dem Krieg, noch ganz frisch und unvoreingenommen, schreibt Traudl Junge einen Bericht über ihre Zeit bei Hitler, der jedoch nie veröffentlicht wird, weil sich damals niemand dafür interessierte.Jahre später, als sie ihren Bericht wieder liest, ist sie entsetzt über den flapsigen Stil, über ihre Naivität, über ihren distanzlosen Blick.Ihr flapsiger Stil jedoch sorgt auch dafür, daß man dieses Dokument gut lesen kann. Traudl Junge schreibt flüssig und mit leichter Hand, ihre Ausführungen sind locker und mit Humor gewürzt. Man merkt ihr schon das Talent zur Journalistin an, die sie später wird.Was erfährt man über Hitler in diesem Bericht? Man erfährt, daß selbst ein Mann wie Hitler nicht 24 Stunden am Tag böse sein konnte. Die meiste Zeit war er einfach nur langweilig. Er erzählte einschläfernde Anekdoten von seinem Hund und ebenso einschläfernde Schwänke aus seiner Jugend, war freundlich, wenn auch ein wenig altväterlich zu seinen Sekretärinnen, lachte und trank Kümmeltee.Traudl Junge mochte ihn. Warum auch nicht. Das kann sie sich später nie verzeihen. Wie konnte sie sich so täuschen?Doch auch von anderen wurde sie getäuscht. Von einem der Ärzte Hitlers, den sie für sehr human gehalten hatte, erfährt sie später, als er hingerichtet wird, daß er Menschenversuche in KZs durchgeführt hat. Sie ist fassungslos.Mördern ist kein M auf die Stirn gedruckt. Die meiste Zeit verhalten sie sich wie andere Menschen auch, und manche haben sogar einige liebenswerte Seiten. Viele der Gespräche an Hitlers Tisch sind natürlich pervers bis ins letzte. Hitler, ein überzeugter Vegetarier mit Missionseifer versucht den Fleischessern die Mahlzeit zu verderben. Er erzählt, wie scheußlich es in einem Schlachthaus zugehe, wie die Mitarbeiter dort knietief im Blut stehen. Die meisten Fleischesser könnten sich so etwas nicht ansehen, meint er, würden aber trotzdem Fleisch essen.Er dagegen könne ohne weiteres zuschauen, wie man gelbe Rüben und Kartoffeln aus der Erde zöge, Eier aus dem Stall hole und Kühe melke.Man fühlt sich unweigerlich an Bilder aus Konzentrationslagern erinnert. Hätte Hitler sich ansehen können, was er dort befahl? Hätte er eine Woche im Auschwitzer Sonderkommando mitarbeiten können?Die Herren wollen sich ablenken. Ablenken von ihrer schweren Arbeite des Mordens, oder besser des Mordbefehlens. Die Unterhaltung soll bewußt seicht sein.Wer sich bei dieser Gesellschaft traut, das idyllische Beisammensein dadurch zu stören, daß er Tacheles redet, erfüllt nicht Hitlers Vorstellungen von einem unterhaltsamen Gesprächspartner und wird nicht wieder eingeladen.So ist zum Beispiel die Frau eines Offiziers zu Besuch und erzählt Hitler, wie schlecht die Juden bei den Deportationen an den Bahnhöfen behandelt würden. Ob ihm das bekannt sei und ob er dies billige. Hitler verläßt schweigend den Raum. Die Frau wird nicht wieder eingeladen.Sie hat sich nicht als angenehme Gesellschafterin erwiesen.Traudl Junge war dies. Eine angenehme Gesellschafterin. Obwohl sie nichts von den Morden wußte, nichts davon wissen wollte und deswegen nicht fragte, wie sie später zugibt, obwohl sie sich sicherlich in keiner Form am Morden beteiligt hätte, muß man sich doch manches Mal über sie wundern.So wird eine von Hitlers engeren Mitarbeiterinnen entlassen, weil ihr Stammbaum nicht in Ordnung ist. Ihre Großmutter hatte jüdische Vorfahren.Traudl Junge regt sich nun lediglich über die Behandlung dieser ihr befreundeten Mitarbeiterin auf, nicht aber über Hitlers vernagelte Rassentheorie als solche.Die wird einfach als gegeben hingenommen.Überhaupt war Traudl Junge wahrscheinlich als Zwanzigjährige sehr viel oberflächlicher als später in ihrem Leben. So erfährt man aus ihrem Bericht eine Menge über das Interieur und die Blumengestecke im Führerquartier, hört aber selten kritische Gedanken.Später wird ihre Sekretärinnentätigkeit bei Hitler oft damit entschuldigt, daß sie noch so jung war.Diese Entschuldigung fällt weg, als sie eines Tages, schon in den 60ern, eine Gedenktafel von Sophie Scholl sieht, die im gleichen Alter wie sie war, und bereits 1943 hingerichtet wurde, als ihre Tätigkeit bei Hitler gerade erst anfing.Nun ist das Vergleichen mit anderen immer der schnellste Weg in die Depression und nicht alle können Sophie Scholls sein. Menschen wie Sophie Scholl sind die Ausnahme. Auch sind nicht alle Zwanzigjährigen gleich weit und reif. Aber Traudl Junge macht sich doch Vorwürfe, so leichtgläubig und unkritisch gewesen zu sein. Es folgen depressive Phasen und Therapien. Wird einem am Anfang von Traudl Junges Bericht Hitler eher als alternder Herr mit leiser Stimme und nervösem Magen vorgestellt, so wird gegen Ende, als es dem April 1945 zugeht, sein Wahnsinn offenbar.Er ist nicht nur vollkommen von sich überzeugt und gegen jeden Widerspruch resistent, er leidet auch zunehmend an Verfolgungswahn.Obwohl nun selbst Traudl Junge das Wahnhafte in diesem von ihr verehrten Führer sieht, schreibt sie doch, daß sie, und alle anderen, wie unter einem hypnotischen Zwang standen, dem Führer weiter zu gehorchen.Sie sind Marionetten in seiner Hand. Zum Schluß hält sie zwar nur noch Mitleid und Schuldgefühl, aber sie bleibt bis zu seiner letzten Stunde, tippt sein Testament.Man mag hoffen, daß sie ihren Frieden mit sich gefunden hat.Zwei Sätze stellt sie ihrem Bericht voran: Wir können unsere Biographie nicht im Nachhinein korrigieren, sondern müssen mit ihr leben. Aber uns selbst können wir korrigieren. von Reiner KunzeUnd: Es braucht nicht annähernd soviel Mut, wie es scheint, um Fehler zuzugeben und aus ihnen zu lernen. Der Mensch ist auf der Welt, um sich lernend zu wandeln.
zu sich selber ehrlich - Kann ich hier noch etwas schreiben, was meine Vorgänger noch nicht geschrieben haben? Wahrscheinlich nicht. Ich finde, dass Traudl Junge sehr ehrlich zu sich selber hinschaut und erzählt, wie sie in diese Situation gekommen ist. Und nach meinem Gefühl nach (andere Kriterien habe ich ja nicht, da ich damals nicht gelebt habe) schildert sie die Normalität dieser absurden Zeit zeimlich treffend. Wenn ich sowas lese, denke ich, was wohl in 50 Jahren über unsere Zeit geschrieben wird. Nach meinem Wissen vertuschen wir auch grade reihenweise Schlimmes und Komisches vor uns selber, das sehen dann unsere Nachkommen besser. So, wie wir mit diesem Abstand der Unschuldigen auf diese komische Zeit zwischen 1933 und 1945 zurückblicken. Und aus dieser Position heraus gaaaaanz leicht die Bösen erkennen. Wer ist eigendlich heute der/die Böse. Guckt da einer nach?
Anders als das TV Interview - Ich kannte Traudl Junge bisher nur aus dem Fernsehinterview und bis dahin habe ich immer ein sehr gespaltenes Verhältnis zu dieser Frau gehabt. Ich dachte mir So naiv kann man doch nicht sein, die Aussage Ich habe davon nichts gewusst kann ich gerade IHR nicht glauben. Sie erzählt es zwar anschaulich und verständlich, ihre Geschichte jedoch zu glauben fiel mir schwer. Nun habe ich das Buch gelesen und bin bekehrt. Jetzt verstehe ich, was die Frau angetrieben hat, das sie mit 22 eben auf anderes hoffte als ein Sekratäinnen-Dasein in irgendeiner Behörde. Sie beschreibt eindrucksvoll die Anziehungskraft die Hitler auf die Leute ausgeübt hat, selbst über das Buch bekommt dieser Mann eine Aura. Die Schwarzmalerei über Hitler hat mal einen bunten Tupfen bekommen und differenziertere Sichtweisen waren mir schon immer lieb. Mir wurden die zwei Seiten dieser Person sehr deutlich durch dieses Buch, ich beginne zu zweifeln, ob wirklich Hitler es war, der alle Stricke in den Händen hielt. Bei der Freizeit die er hatte? Ob die wirklichen Entscheidungen nicht Leute im Hintergrund gefällt haben und Hitler letztenlich als großer Fanatiker und in voller Überzeugung an die Sache einfach sein Charisma und sein Gesicht dafür hergegeben hat.... Ich weiß es nicht aber das wird man letztendlich nicht mehr wissen, ich danke aber für dieses Buch, ich habe es voller Interesse und Spannung gelesen.