
Geschichte ganz persönlich - Ich habe Meines Vaters Land trotz akuten Prüfungsstresses in weniger als einer Woche verschlungen und wann immer ich konnte ein paar Seiten gelesen, beim Frühstück, in Kaffeepausen, vor dem Schlafen gehen. Das ist mir bei einem Sachbuch noch nie passiert.Was also ist an Meines Vaters Land so besonders? Zunächst mal ist es Bruhns ganz persönliche Annäherung an die tragisch endende Lebensgeschichte ihres Vaters, die eng verknüpft mit der Geschichte Deutschlands ist. Von Anfang an ist dem Leser klar, dass am Ende des Buches die Hinrichtung des Vaters als Verschwörer des 20.07.1944 stehen wird und doch wird HG Klamroth an keiner Stelle glorifiziert und auf einen Sockel gehoben. Statt dessen nähert sich Bruhns ihm als Menschen und macht dabei immer wieder klar, dass es ihr bei ihrem eigenen Vater nicht gelingen kann, objektiv zu sein. Zu fremd sind uns heute Mentalität und Einstellungen der im Kaiserreich aufgewachsenen Generation und zu schmerzhaft ist wahrscheinlich auch die Erinnerung an spätere Verstrickungen. Das besondere bei Bruhns Ansatz ist, dass sie ihrem Unverständnis und ihrem Ärger immer wieder unmissverständlich Luft macht und geradeheraus schreibt So ein Unsinn! oder Was soll das nun wieder? wenn sie über ihr unverständliche Äußerungen stolpert. Dieser unkonventionelle Stil lockert das Buch einerseits enorm auf, macht aber andererseits auch immer wieder deutlich, dass hier eine Nachgeborene aus ihrer Perspektive schreibt. Diese Perspektive kann und will dabei gar nicht die einzig wahre sein, sondern ist ihrerseits wiederum ein Produkt ihrer Zeit. So war es z.B. für mich als wiederum gut 40 Jahre nach der Autorin geborene Leserin gleichzeitig interessant und irritierend, dass die Mentalität der bürgerlichen Schicht des Kaiserreichs für Bruhns offensichtlich zwangsläufiger Wegbereiter für das Dritte Reich ist. Insofern war das Buch auf zweierlei Art faszinierend: Zum einen durch die Aufarbeitung historischer Quellen aus dem Familienarchiv mit allerlei interessanten Hintergrundinformationen (z.B. gelingt es HG auf dem Gipfel der Verliebtheit in seine zukünftige Frau beim Spaziergang rechts von ihr zu gehen, was normalerweise dem Ehemann vorbehalten war) und zum anderen durch die sehr persönliche aber genauso zeitgebundene Beurteilung durch Wibke Bruhns.
Beeindruckendes Hörbuch - Wibke Bruhns war gerade mal sechs Jahre alt, als ihr Vater, der Abwehroffizier Hans Georg Klamroth, am 26. August 1944 wegen Hoch - und Volksverrats hingerichtet wurde. Als Israelkorrespondentin hört und sieht sie 35 Jahre später ihren Vater in Originalfilmausschnitten seiner Hauptverhandlung vor dem Volksgerichtshof. Das setzt einen Überlegungsprozeß über ihren so nahen wie fremden Vater in Gang, den sie kaum kannte. Die Suche nach seiner Geschichte führt zurück in die Vergangenheit der Halberstädter Kaufmannsfamilie Klamroth. An Hand zahlloser Briefe, Fotografien, Tagebücher und Haushaltskladden erzählt Wibke Bruhns eine an die Lübecker Buddenbrooks erinnernde Familiensaga, die vom Kaiserreich durch die Weimarer Republik und zwei Weltkriege bis zum Ende der Diktatur des Dritten Reiches führt. Das 360 seitige Buch ist 2004 auch als beeindruckendes ca. 6 stündiges Hörbuch (6 CDs) erschienen. Die Autorin liest es mit der klaren Stimme von Deutschlands erster ,Heute` - Nachrichtensprecherin und trotz aller persönlicher Betroffenheit mit professioneller Distanz. Bemerkenswert ist ihre Härte gegen ihre Familie und damit letztlich auch gegen sich selbst, wenn sie ihrer Mutter Else eine unkritische Gefolgschaft Hitlers vorwirft oder schonungslos die ehelichen Verfehlungen Hans Georgs (genannt ,HG`) aufdeckt. Trotzdem merkt man doch des öfteren, wie schwer ihr der Vortrag gerade so einschneidender Sequenzen wie der Schilderung schauriger Details der Hinrichtung ihres Vaters gefallen sein muß. Auch wenn Bruhns so manche Verirrung ihrer Eltern anprangert, fragt sie sich immer wieder selbstkritisch, wie sie selbst in der einen oder anderen schwierigen Situation reagiert hätte.Auch wenn letzte Zweifel bleiben am Wert einer Darstellung , die so manche weißen Stellen im Leben ihres Vaters aufgrund der lückenhaften Quellenlage nur durch einfühlsame und logische Mutmaßungen der Autorin geschlossen hat, sind Buch und Hörbuch bemerkenswert. Da viele Menschen von den Zeiten in Deutschland vor ihrer Geburt nur vage Vorstellungen haben, ist es zu begrüßen, wenn die tatsächlichen Verhältnisse zwischen 1900 und 1945 nicht abstrakt, sondern an Hand einer konkreten Familiengeschichte anschaulich und erfaßbar gemacht werden. Sehr instruktiv hat Bruhns historische Hintergründe (wie die Situation der Ukraine nach dem Separatfrieden mit Deutschland, die Rolle Ludendorffs bei der sog. Dolchstoßlegende) aufgearbeitet. Nahezu jeder Deutscher hat vom Versailler Friedensdiktat gehört. Doch wer hat tatsächlich einmal die 440 Artikel (davon allein 231 zur Kriegsschuld) dieses Pamphlets gelesen, in dem beispielsweise exakt aufgelistet ist, wieviele Junghengste Deutschland jährlich den siegreichen Nachbarn Frankreich und Belgien im Rahmen seiner Reparationsverpflichtungen auszuliefern hat. Bei Bruhns lernt er es.Fazit: Lehrreiches und unterhaltsames Hörbuch. Absolut empfehlenswert.
Der Stil macht es nur schwer erträglich... - ...so mein Eindruck.Als Vielleser von historischer Literatur, die sich auch insbesondere mit Familiengeschichten beschäftigt, wirkt dieses Werk auf mich als viel zu aufgesetzt, übertrieben gekünstelt, gewollt.Ja, es handelt sich um eine typische Geschichte der Zeit.Ja, es ist dramatisch und interessant, wenn sich jemand auf die Reise in seine Vergangenheit begibt.Ja, es ist eine Aufgabe für den Leser, sich zu fragen, wie er gehandelt hätte.Aber gerade aus Respekt vor Geschichte und dem eigenen Vater sollte man eine Wortwahl treffen, die dem angemessen ist. Mein subjektives Gefühl.
Aus der Kaufmannsfamilie in den Widerstand - Wibke Bruhns schreibt eine ergreifende, autobiographische Geschichte aus der Kaufmannsfamilie Klamroth. Sie berichtet über ihren Vater und dessen Rolle beim Attentat auf Hittler am 20. Juli 1944. Dank der vielen Aufzeichnungen aus ihrer Familie Klamroth, schöpft sie aus einem riesigen Fundus, um ihren Vater darzustellen. Wibke Bruhns hat ihn kaum gekannt, kommt ihm - den Fremden - durch das Schreiben sehr nah. HG, wie sie ihn nennt, stammt aus einer grossbürgerlichen Kaufmannsfamilie, die Anfangs mit dem System gut lebt. HG bekommt jedoch Zweifel, ob der Krieg zu gewinnen ist und schließt sich dem Widerstand an, ohne direkt am Attentat beteiligt zu sein. Ein starkes Buch, um in die damalige Zeitgeschichte hineinzuschauen.
Ein Mensch, statt eine 20.Juli-Ikone - Manche Sätze atmen noch die ahistorische Bonner Linksliberalität der 70er Jahre, die Europa am Eisernen Vorhang enden ließ (Was ist denn nun schon wieder Livland? Ich weiß es inzwischen). Wer sich davon provozieren lässt, mag damit selber zurechtkommen. Es geht um etwas ganz anderes.Wibke Bruhns schildert - und das wirklich sehr intim, meine Güte - eine ganz gewöhnliche scheiternde Ehe, die 1944 im Heldentempel des 20.Juli endete. Man ahnt nur wie, Einblicke in das Dienstleben des Vaters gibt es kaum.Wenn man das Buch wieder zuklappt, weiß man aber etwas anderes: Widerstand war nicht Menschen vorbehalten, denen man Reliefs meißelt und Quartettsätze spielt, weil einem die Worte für das Göttliche ausgegangen sind. Es musste solche Anführer geben, es gab sie zum Glück, aber es gab eben auch Verschwörer wie HG Klamroth. Vor Freisler dem Antichrist stand mit ihm kein Erlöser in Wehrmachtsuniform.Es stand dort ein Kaufmann und Reserveoffizier, der seine Frau serienmäßig betrog (und sie als Antwort einmal ihn). Ein Mann mit Ahnung für Mächtige und Machtverlust, Sohn eines vielseitigen Kaufmanns und einer offenbar ziemlich gefühlskalten Mutter, der sich als Jugendlicher von Blendern blenden ließ und der bei allem Charme eine pedantische Ader hatte.Als Bundesbürger wäre Klamroth vielleicht einer dieser Bonner Ministerialdirigenten geworden, auf die sich vor Weiberfastnacht zahllose Begehrlichkeiten richten. Intrigante Momente in seiner Mimik, aber so geheimnisvolle Hände, und es wird geraunt, er könne ganz wunderbar und endlos zuhören. In der verfilmten Literatur ähnelt er wegen seiner spröden Ader dann und wann dem Liebhaber von Sabeth in Homo faber.Als Soldat begeht er 1918 im Osten einen Kameradenmord. Es ist zwar kriegsrechtlich keiner, Klamroth wird belobigt - aber moralisch ist es einer. Er spürt das. Er hat einen betrunkenen Kameraden hinterhältig behandelt und dann in Notwehr Totschlag an ihm begangen. Er wird das nie wieder los. Er hat eine viel zu große Intuitionsgabe, um dem Kriegsrecht zu glauben. Wibke Bruhns urteilt hart darüber. Sie bewertet das politisch. Es ist eine der wenigen Passagen, bei denen der Gedanke aufkommt, ein oder zwei weitere Gespräche im Lektorenkreis hätten dem Buch gut getan.Sie führt den Leser trotzdem allmählich immer weiter an alle Abgründe ihres Vaters heran. Man liest also weiter und denkt, o Himmel, was kommt da noch alles. Es kommt viel, der Leser wird zum Voyeurismus gezwungen. Es muss sein, sonst versteht man das Buch nicht.Dann ändert sich der Ton grundlegend. Als Freisler ins Leben des Vaters tritt, widerruft Wibke Bruhns praktisch alles, was sie zuvor ihm gegenüber an Vorbehalten und Nachverurteilungen hat anklingen lassen. Es ist gut, sich bis dorthin durchzulesen. Sie macht aus ihrem Vater in der Zelle keinen Helden. Sie lässt ihn nur so sein, wie er war.Sie lässt ihn den Mann sein, für den Jahrzehnte später das Scheidungsrecht zugunsten der Frau geändert wurde - der aber, weil der Antichrist Freisler die Scheidung verfügte, ihr Vater ist.Wibke Bruhns tut das nicht, weil sie sich etwa mit dem 20.Juli schmücken will. Überhaupt nicht. Sie macht ihn zum Vater, weil der seinen Mann gestanden hat, als es wirklich darauf ankam. Er war kein Widerständler aus Adel oder ideologischer Härte. Er war ein letztlich Unpolitischer, der sich beruflich durchbeißen und privat durchmogeln wollte, und jäh vor seinem Richter stand.Das entschuldigt nicht, was vorher und sonst so war. Soll es ja auch gar nicht. Das ist ja das Ergebnis der von Wibke Bruhns breit kommentierten Auszüge aus Briefen und Tagebüchern - dass ein Mann, den man wohl mit Blick auf seine Ehe in der vulgären Post-Nazi-Umgangssprache einen Kotzbrocken nennen würde, in der Geschichte einen so untadeligen Namen erworben hat.Die Botschaft des Buches freilich reicht darüber hinaus. Hätte HG Klamroth im Juli 44 einfach nur seiner erotischen Getriebenheit abgeschworen und die Ehe repariert, hätte seine Tochter sich mit ihm womöglich genauso ausgesöhnt. Gerade weil der 20.Juli fast nur wie eine von mehreren Optionen erscheint, die private Lüge zu beenden, holt Wibke Bruhns die Eltern wieder nach Hause in den Alltag zurück.Auf diese private Weise holt sie auch den 20.Juli von seinem etwas zu majestätischen Podest. Das Richtige zu tun ist wiederholbar. Sie nimmt dem Attentat in der Wolfsschanze die Aura des Selbstopfers eines moralisch unwiederbringlichen Deutschlands, das mit Namen wie Stauffenberg verbunden sei.Der moderne Mensch, von Spengler-Konservativen so gern im Ton des Früher, da gab es noch Charakterköpfe bejammert, ist damals wie heute meistens ein HG Klamroth. Er hat keinen Grund, vor dem Mythos des 20.Juli zu verzagen und sich mit dem künftigen Bösen zu arrangieren, weil es solche Helden wie Stauffenberg oder Moltke nie wieder oder jedenfalls nicht in der eigenen Nachbarschaft gebe. Denn auch vor den HG Klamroths muss eine Tyrannei sich fürchten. Gerade auch vor ihnen. Es mag pathetisch klingen: Aber Wibke Bruhns gibt dem 20.Juli wieder eine Zukunft.